Im Neuen Stadtmuseum ist in einer Vitrine mit Exponaten aus der Römerzeit ein römischer Fingerring aus Gold mit den Initialen „VITA“ zu sehen. Dieser Ring wurde 1981 bei einem Bauaushub in Epfach von Kreis- und Stadtheimatpfleger Dr. Anton Huber gefunden. Der Ring gehört zur Prähistorischen Sammlung in München und wurde an das Neue Stadtmuseum ausgeliehen. Er ist hohl und könnte ein Hochzeitsring einervornehmen Dame gewesen sein. Das Wort „VITA“ steht erhaben in einem Feld, das in einemrechteckigen Stein versenkt wurde. Dieser wird heute von einer bräunlichen Kittmasse in der Mitte der Fassung des Rings gehalten. Vergleichsstücke sind bisher nicht bekannt. „VITA“ bedeutet Leben und könnte für die Besitzerin eine stete Erinnerung und Mahnung sein, an das „hier und jetzt“.
Bei den Römern, deren Götter bereits im 3. Jh. v. Chr. mit den griechischen verschmolzen und gleichgesetzt wurden und auch die jeweiligen Jenseitsvorstellungen sich annäherten, gab es kein Weiterleben nach dem Tod, keine Erlösung und keine Wiederauferstehung. Die römische Religion bestach durch Pragmatismus und einer relativ geringen Bedeutung im praktischenLeben. Ihre Unterwelt nannten sie Orcus, er entsprach dem griechischen Hades. Der Orcus war ein Raum unter oder ganz am Ende der Erde, den man sich als Aufenthalt der Seelen Verstorbener dachte, als modriges Schattenreich; von einem Fluss umgeben, düster und schaurig. Die Seelen lebten dort ohne Erinnerung an die Freuden des irdischen Lebens. Die römische Religion betonte eher das irdische Dasein und kannte nach dem Tod ein ewiges, aber nicht wie die Mysterien und das Christentum ein seliges Leben.
Nach der Eroberung des Ostens im 2. Jh. v. Chr. ergoss sich ein Strom hellenistischer Kultur nach Italien. Die Gestalten der alten römisch-italischen und griechischen Götterwelt traten in den gebildeten Kreisen zurück. Im Denken übernahm in der Nobilität die Philosophie den Platz der Staatsreligion. Bald entwickelte sich in der Ober- und Unterschicht eine ganz persönliche Frömmigkeit durch den Einfluss der von Osten vordringenden Geheimlehren der Isis und des Serapis aus Ägypten, der Kybele (Magna Mater) aus Kleinasien und des persischen Mithras sowie der Mysterienkulte. Man wurde Anhänger einer oder mehrerer orientalischen Gottheiten. Grabinschriften belegen, dass man ein Wiedersehen nach dem Tode, dazu ein glückliches Leben im Elysium erhoffte. Der Erfolg dieser Religionen lag in der Sehnsucht nach Mystik und Offenbarung. Eine starke Ausstrahlung hatten diese Religionen aus dem Orient bei den Frauen, der Mithraskult besonders auf das Militär.
Bei dem Philosophen Seneca (55 v. Chr. – 39 n. Chr.) erhielt der Mensch den Rat, wie er sein Leben glücklich gestalten konnte: nur derjenige vermochte die Glückseligkeit zu erreichen, der sich von den äußeren Wechselfällen des Lebens unabhängig machte und den Schwerpunkt in sich selbst fand. Die innere Festigkeit wurde nicht ohne Kampf erworben, aber die Tugend war mit Hilfe der Philosophie dem Verständigen erreichbar.
Der Fingerring aus Epfach mit der Inschrift „VITA“ → Leben ist ein Zeugnis dafür, dass sich das Volk mit Daseins- und Jenseitsfragen auseinandersetzte. Leben bestandfür den antiken Menschen aus einem mehr oder weniger langen und mehr oder weniger wichtigen irdischen Teil, sowie einem entscheidenderen jenseitigen Teil nach dem Tod. Der Fingerring ist mit seinen Initialen ein Beispiel für das Denken des antiken Menschen und für die Wirkung von Symbolen, für symbolhafte, das heißt in Symbolen verhaftete Existenz.
Dr. Hans-Jürgen Tzschaschel